Die neue Grand Tour. Kavalier_innen_reise im Netz

re:publica 2015
Research & Education

Short thesis: 

Die von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert hinein bestehende Tradition der Grand Tour sah vor, dass junge adelige, später auch bürgerliche weiße Männer zur Abrundung ihrer Erziehung eine ausgedehnte, oft mehrjährige Reise durch Frankreich, Italien und die Niederlande unternahmen. Das halbbewusste Sichbewegen im Netz, wie Milliarden Menschen es 2015 auf der ganzen Welt praktizieren, lässt sich – und dies soll im Vortrag geschehen – als zeitgemäße und sozial gerechtere 'Neue Grand Tour' beschreiben.

Description: 

Die Grand Tour oder auch Kavalierreise genannte Unternehmung diente in ihrer klassischen Form der kulturellen Horizonterweiterung, dem Knüpfen von politischen und gesellschaftlichen Beziehungen, dem Verfeinern von Manieren und Kenntnissen und ließ unausgesprochen auch Raum für das Männern vorbehaltene erotische Hörnerabstoßen vor der sozial vorteilhaft gewählten Eheschließung.

Auch bei der Neuen Grand Tour, dem Reisen im Netz, können antike Monumente und Meisterwerke der europäischen Kunst besichtigt, andere Kulturen und Sprachen kennengelernt werden: budget-, klima- und lebenszeitfreundlich. Alle anderen Koordinaten aber haben sich verändert. Unterwegs im Flow lässt sich das neue Prestige Aufmerksamkeit gewinnen; ästhetische, soziale und politische Phänomene können, noch während sie emergieren, beobachtet und mitgeprägt werden. Alles geschieht instantan, ohne dass man sich dafür in der physischen Realität vom Fleck bewegen müsste. Beim Netzreisen verwischen Grenzen, die Vorstellung von Nationalstaaten verliert sukzessive an Plausibilität. Vielleicht ist selbst die Idee Europa schon zu eng geworden für die virtuell Weitreisenden.

Christiane Frohmann unternimmt auf der re:publica mit ihren Zuhörer_innen eine Neue Grand Tour im Zeitraffer, gemeinsam werden verschiedene Gegenden des Netzes bereist. So lässt sich die Alte Welt neu sehen, und vielleicht gelangt man sogar zur vorläufig aktuellsten Form der Neuen Welt. Natürlich bleibt es nicht aus, dass man unterwegs Banditen begegnet. Reisen bildet, aber Reisen birgt auch Gefahren. (Menschen, die den Untergang des Abendlandes fürchten, wird ausdrücklich von der Passage abgeraten.)

Ignite Talk

Circumstances

STG-11
Thursday, May 7, 2015 - 16:15 to 16:45
German
Talk
Beginner

Speakers