(K)Ein Tor zur Inklusion? Die Bedeutung Sozialer Medien für erwerbslose Digital Natives in Europa

re:publica 2015
Politics & Society

Short thesis: 

Die Nutzung von Social Media ist zentraler Alltagsbestandteil vieler Erwachsener in ganz Europa. Vor dem Hintergrund zunehmender Arbeitslosigkeit und sich daraus ergebender prekärer Lebenslagen stellt sich die Frage, welches mögliche Potenzial in dieser Medienform, insbesondere für Digital Natives, liegt. Dabei sind euphorische Vorstellungen der Nutzungschancen häufig viel zu übertrieben und müssen relativiert werden. Dennoch ist es zugleich wichtig, die Bedeutung von Social Media als alternative Strukturierer des Alltags, als kostengünstige Austausch-, Informations- und Bildungsplätze sowie als Freizeitangebot im Kontext von Erwerbslosigkeit zu verstehen.

Description: 

Ohne Arbeit zu sein bedeutet weit mehr als die tägliche Konfrontation mit finanziellen Engpässen:  Das Gefühl erwerbslos und damit sozial isoliert und ausgegrenzt zu sein, führt bei Betroffenen oftmals zu schwerwiegenden psychischen Erkrankungen, wie beispielsweise zu Depression oder Angstzuständen. Dass dabei besonders soziale Kontakte und der Austausch mit ihnen zur Reduktion dieses psychischen Stresses dienen ist in der Erwerbslosenforschung vielfach dokumentiert. Allerdings reduziert sich mit dem Verlust des Arbeitsplatzes auch der Austausch mit anderen, da wesentliche Bezugsgruppen - nämlich das gesamte Kollegen- und Arbeitsumfeld - schlagartig wegfallen. Social Media, die gerade das Knüpfen und Aufrechterhalten von Kontakten als Nutzungsziel haben, bieten daher, zumindest theoretisch betrachtet, ein erhebliches Potenzial die negativen sozialen und psychischen Folgen von Erwerbslosigkeit zu reduzieren. 

Leider existieren bisher keine bzw. kaum Studien zum Nutzungsverhalten oder Chancen und Risiken von Social Media im Kontext der Erwerbslosigkeit. Nach wie vor wird zwar der Medienkonsum, allerdings meist in Form von TV, als zentraler Füller und Gestalter der unfreiwilligen „Frei“-Zeit von Arbeitslosen gesehen und dementsprechend thematisiert. Ergebnisse solcher Studien sind jedoch im digitalen Zeitalter extrem veraltet, da jegliche Interaktivität nicht berücksichtigt ist - doch genau diese zeichnet sowohl den Medienkonsum als auch die Kommunikation in Social Media aus.

Ausgehend von empirischen Daten zeigt ein Blick in die Nutzungsrealität Erwerbsloser in Deutschland jedoch einen differenzierten Befund: Für viele Erwerbslose spielen Social Media und die Debatten über deren Chancen und Risiken ohnehin keine Rolle. Sie haben nämlich derzeit überhaupt gar keinen Zugang zum Internet und damit auch nicht zu anderen Internetanwendungen. Für Digital Natives stellt sich die Nutzung von Social Media hingegen als zweiseitige Medaille dar: Einerseits bieten sie den jungen Erwachsenen in ihrer prekären Lage kostengünstigen Zugang zu Unterstützung und Hilfestellungen - vor allem im Austausch mit anderen Betroffenen und Freunden, aber auch durch gezielte Ablenkungen. Andererseits hat dies gleichzeitig zur Folge, dass sich Erwerbslose mit eine Vielzahl anderer Nutzer bzw. mit deren Selbstdarstellungen in digitalen Netzwerken vergleichen (müssen). Daraus entsteht oftmals die Wahrnehmung - stärker noch als bei Offline-Beziehungen - aufgrund der Erwerbslosigkeit gesellschaftlich ausgeschlossen und nutzlos zu sein. Andere Erwerbslose, die zwischen diesen beiden Extrempolen der Nutzung bzw. Nichtnutzung liegen, variieren hinsichtlich ihrer Fähigkeiten, der Ausstattung mit Endgeräten, der Motive ihrer Nutzung sowie der Erfahrungen im Umgang mit Social Media. In anderen Ländern Europas, in denen die Arbeitslosigkeit einen wesentlich größeren Anteil der Bevölkerung betrifft (z.B. 26% in Griechenland oder 23% in Spanien) existieren diesbezüglich keinerlei empirische Daten. Anhand genereller Nutzungsstatistiken kann jedoch gezeigt werden, welches Potential in Social Media für Digital Natives in Europa liegt.

Ignite Talk

STG-9
Tuesday, May 5, 2015 - 12:15 to 12:45
German
Talk
Beginner

Speakers

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Post-Doc